Menschen in Mühlheim #14

„Ich habe viele Bücher zusammen mit anderen Frauen geschrieben.“

 

Menschen in Mühlheim #14

 

Roja

Ich bin 29 Jahre alt, aber in meinem Pass steht ein falsches Datum. Wenn in Afghanistan ein Kind geboren wird, wird es nicht sofort registriert. Mein Vater ging irgendwann auf das Meldeamt und meldete seine sieben Kinder an. So ist das bei uns.

Seit 10 Jahren sind mein Mann und ich verheiratet und wir haben 2 Kinder. Unserer Tochter ist neun Jahre, unser Sohn zwei Jahre alt. Er hat einen offenen Gaumen und wir möchten ihn hier gerne operieren lassen. Aber das kostet viel Geld.

Als meine Tochter geboren wurde, habe ich noch studiert. Jeden Tag bin ich zwei Mal nach Hause um sie zu stillen. Aber ich bin glücklich, dass ich mein Studium beendet habe. Viele Frauen in meiner Heimat haben nicht studiert. Ich hätte gerne noch meinen Doktor gemacht, aber das war nicht möglich.

Ich habe englische Literatur studiert und dann in einer Bank gearbeitet. Danach habe ich zwei Jahre für AWEC, (Afghan Women Education Center) gearbeitet und wechselte dann zu VWO (Voice of Women Organisation), wo ich in Herat in einem Frauenhaus arbeitete. Ich habe viele Jahre mit Frauen gearbeitet, vielen zum Beispiel bei der Scheidung geholfen. Eine Frau aus der Umgebung von Herat, zum Beispiel, wurde mit 12 Jahren verheiratet. Mit 14 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Sie konnte nicht zur Schule gehen und auch nicht das Haus verlassen. Es gibt viele, viele Probleme. Aber ich habe mit diesen Frauen gearbeitet, bin zu Ihnen gegangen und habe sie über die Rechte der Frauen und Kinder aufgeklärt. Viele Männer mochten das nicht.

Viele meiner Kolleginnen sind ermordet worden. Sie wurden nicht einfach erschossen. Es wurden ihnen Gliedmaßen abgeschnitten und in einer Tüte der Familie gebracht. Das passiert mit Frauen, die sich nicht anpassen.

Über all diese Dinge möchte ich, gerne ein Buch schreiben. Es gibt so viele Leute, die nichts von diesen Problemen wissen. In den Medien wird immer nur gesagt, dass die Taliban Probleme machen und fertig. Kokain, Marihuana… es gibt so viele Probleme.

Der 8. März wird auch in Afghanistan gefeiert. Aber das löst nicht die Probleme der Frauen. In meiner Stadt zum Beispiel werden noch viele Frauen von ihren Männern oder Vätern angezündet. Viele zünden sich auch selbst an, weil sie so große Probleme haben. Man kann es nicht glauben aber ich habe es selbst gesehen.

Viele Mädchen werden von ihren Vätern mit alten Männern verheiratet. Von diesen bekommen sie viel Geld. Sie könnten ihre Enkelinnen sein. Das ist ein Problem, besonders auf dem Land, wo es keine oder wenig Bildung gibt. Manche Männer haben auch bis zu 4 Frauen. Je mehr Frauen, umso reicher.

Meine Arbeit war es, den Frauen zu helfen. Meine Familie hat nicht verstanden, dass ich diese Arbeit mache. Sie sagten, ich solle besser als Lehrerin arbeiten. Das mache weniger Probleme.

Alleine mein Mann hat mich immer unterstützt.

Ich bin glücklich, dass ich den Frauen helfen konnte. Ich entschied mich dafür und tat es. Von den meisten Frauen in Afghanistan unterscheide ich mich schon ein bisschen. Die meisten sind immer zu Hause. Sie haben keine Bildung, gehen nicht zur Schule, arbeiten nicht. Ich könnte das nicht, zu Hause sitzen. Ich möchte in Bewegung sein, arbeiten, aktiv sein.

Um nach Deutschland zu kommen, sind wir 2 Monate zu Fuß unterwegs gewesen. Manchmal auch mit dem Zug aber es war sehr schwer, gerade auch für die Kinder. Unsere Tochter ist gelaufen, mein Mann hat unseren Sohn getragen. Wir kamen über Pakistan-Iran-Türkei-Griechenland und den Balkan. Es war kalt und oft lag Schnee. Wir hätten sterben können. In der Nacht sind wir mit einem kleinen Boot, 9 Meter lang, mit 56 Menschen nach Griechenland gekommen.

Wenn meine Heimat sicher wäre, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen. In Afghanistan sind meine Familie, meine Mutter, drei Brüder und eine Schwester. Mein Vater ist leider gestorben. Dort hatte ich einen guten Job, wir hatten ein großes Haus, ich hatte einen Führerschein und bin Auto gefahren.

Wir wissen nicht, ob wir in Deutschland bleiben dürfen, haben noch keine Antwort auf unseren Asylantrag. Mein Wunsch ist es, wieder einen Pass zu haben. Dann könnten wir in Deutschland bleiben aber ich könnte auch zurückkehren um den Frauen weiter zu helfen. Aber meine Kinder sollen lieber hier bleiben. Wenn ich in Gefahr gerate, kann ich zurückkommen. Das Problem ist, dass Frauen, die versuchen anderen Frauen zu helfen, nicht sicher sind in meiner Stadt, meinem Land.

Unsere Regierung machte einen Vertrag mit Deutschland und bekommt Geld dafür, dass sie die Menschen, die zurückgeschickt werden, aufnimmt. Aber die Leute haben dort nichts mehr und das Land ist nicht sicher. Wenn wir zurückgehen, werden wir mit hundertprozentiger Sicherheit sterben. Wir hatten Arbeit in Afghanistan und haben seit über einem Jahr unsere Familien nicht mehr gesehen.

Es ist nicht einfach für uns, aber hier sind wir sicher. Für mich und meine Tochter ist es gut, dass hier in Deutschland Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

Mein Mann und ich haben gleich nach unserer Ankunft begonnen Deutsch zu lernen. Ich habe jetzt das Glück, einen Intensivkurs machen zu können. Jeden Tag gehe ich in die Schule. Da unser Sohn noch keinen Platz im Kindergarten hat, passt mein Mann auf unseren Sohn auf.

Meine Arbeit hat mich sehr für die Probleme der Frauen sensibilisiert und ich möchte hier in Deutschland für alle Frauen sprechen.

Wenn ich gut Deutsch kann, möchte ich eine Ausbildung machen. Vielleicht kann ich dann in einer Organisation wie Voice of Women arbeiten, die Frauen in Ländern wie meinem unterstützt.

Ich habe viele Bücher zusammen mit anderen Frauen geschrieben, auf Dari. Ein Buch habe ich alleine geschrieben. Es sind Gedichte. Sie handeln von der Liebe, der Heimat, den Kindern, den Problemen der Frauen. Wenn ich gut Deutsch gelernt habe, hoffe ich, das Buch übersetzen zu können. Ich habe so viele Probleme gesehen und möchte, dass die Leute hier in Deutschland verstehen, warum eine Familie wie wir, aus Afghanistan hier her kommt.

Ein Buch, „LOAD POEMS LIKE GUNS“ in dem ich zusammen mit anderen Frauen Gedichte veröffentlicht habe, hat Farzana Marie, eine Frau aus Arizona, USA , auf Englisch übersetzt.

Wir essen gerne afghanische Gerichte. Typisch für meine Stadt ist Kecheiri. Es besteht aus braunem Reis, Öl, Zwiebeln, Salz Kräutern, Rind- und Schaffleisch. Wir essen viel Reis und Fleisch. In Afghanistan haben wir drei Mal täglich gekocht, jetzt nur noch einmal.

Mein größtes Hobby ist Bücher lesen. Ich habe auch schon Goethe gelesen. Jetzt habe ich leider keine Bücher auf Dari und deutsche Bücher zu lesen ist sehr schwer für mich. Drei Mal in der Woche gehe ich zum Sport. Zwei Mal zur Gymnastik und einmal zum Zumba. Ich gehe auch gerne mit meiner Familie am Main spazieren und spiele mit meinen Kindern. WhatsApp und Internet sind für mich auch sehr wichtig, zum Beispiel, um mit meiner Familie Kontakt zu haben.

Nader

Ich bin 36 Jahre alt und komme aus Herat in Afghanistan. Nach der Schule machte ich keine Ausbildung sondern eröffnete einen Handyshop. Diesen führte ich über 10 Jahre und wir konnten gut davon leben. In Afghanistan habe ich noch drei Schwestern und drei Brüder.

Seit einem Jahr und 3 Monaten lebe ich mit meiner Familie hier in Mühlheim. Wir haben schon einige Kontakte zu Menschen in Mühlheim, besonders aus der Flüchtlingshilfe. Hier in der Flüchtlingsunterkunft ist es zum Wohnen sehr eng. Wir haben nur ein Zimmer für 4 Personen. Unsere Tochter geht zu Schule und muss früh aufstehen und früh ins Bett. Da können wir hier im Zimmer keinen Lärm mehr machen und morgens werden alle wach. Wir warten immer noch auf unsere Anerkennung als Geflüchtete. Meine Frau geht jeden Tag zum Sprachkurs. Da wir für unseren kleinen Sohn keinen Kindergartenplatz haben, kann ich keinen Sprachkurs machen. Auch bei „Frau Mutter Kind“ gibt es keinen Platz und ich muss mich um ihn kümmern. An der Volkshochschule gibt es abends Deutschkurse, aber diese Möglichkeit gibt es für uns Afghanen nicht.

Nach Afghanistan möchte ich nicht zurück. Zuerst möchte ich Deutsch lernen und dann weiß ich noch nicht. Hier in Deutschland ist es schwer eine Arbeit zu finden. In Afghanistan habe ich von 6:00- 19:00Uhr gearbeitet. Jetzt mache ich Hausarbeit und kümmere mich um die Kinder. Ich koche für sie und spiele mit ihnen. Das ist nicht einfach für mich als Mann. Aber den meisten afghanischen Männern hier geht es so. Wir sitzen zu Hause, warten und können nichts tun.

Zwei Mal in der Woche spiele ich Fußball. Einmal mit einer Gruppe auf dem Gelände der Polizeischule und einmal mit einer gemischten Gruppe von Deutschen und Geflüchteten auf dem Bolzplatz am Talweg. Dann gehe ich noch zwei Mal die Woche zusammen mit zwei anderen Geflüchteten zum Boxtraining nach Offenbach. Sport ist sehr wichtig für mich.

Hasti

Ich bin 9 Jahre alt und gehe in die 3. Klasse der Rote-Warte-Schule. Mit der Schule war ich auf Klassenfahrt. Wir waren 3 Tage auf Burg Breuberg. Das war sehr schön. In meiner Klasse sind drei Mädchen und zwei Jungen aus Deutschland. Alle anderen Kinder kommen aus anderen Ländern, aus Italien, aus der Türkei, aus arabischen Ländern….. Aber zusammen sprechen wir alle Deutsch. Ich spiele gerne mit anderen Kindern und gehe gerne ins Schwimmbad.

 

Refugees in Germany

 

 

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